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Körperlogik Teil 1: Warum dein Körper klüger ist, als du denkst

"Mit meinem Körper stimmt etwas nicht."


Vielleicht kennst du diesen inneren Satz:

Mit meinem Körper stimmt etwas nicht.


Vielleicht hat er sich leise eingeschlichen.

Vielleicht wurde er dir irgendwann gesagt.

Vielleicht ist er gewachsen mit jeder Diät, jeder Zahl auf dem Laborzettel, jeder gut gemeinten Empfehlung.

Gerade wenn Themen wie Mehrgewicht, Insulinresistenz oder Typ-2-Diabetes auftauchen, entsteht schnell ein Bild: Der Körper ist entgleist. Er funktioniert nicht richtig. Er macht es einem schwer.


Und fast automatisch folgt die zweite Annahme:

Ich muss ihn korrigieren.

Doch was, wenn wir diesen Ausgangspunkt hinterfragen?

Was, wenn dein Körper kein Problem ist, das gelöst werden muss – sondern ein System, das auf Bedingungen reagiert?

Ich nenne diesen Perspektivwechsel Körperlogik.



Warum dein Körper klüger ist, als du denkst


Der Körper reagiert funktional, nicht moralisch

Der menschliche Körper unterscheidet nicht zwischen „gut“ und „schlecht“. Er unterscheidet zwischen Sicherheit und Unsicherheit.


Er fragt nicht: Ist das diszipliniert?

Er fragt: Bin ich sicher?


Das autonome Nervensystem scannt permanent – oft unbewusst – deine Umgebung, deine Beziehungen, deinen inneren Zustand. Es bewertet Tempo, Druck, Nähe, Kritik, Erwartungen, Mangel, Rhythmus.

Wenn über längere Zeit Unsicherheit erlebt wird – sei es durch frühen Bindungsstress, chronische Anpassung, subtile Überforderung oder die ständige Botschaft, nicht zu genügen – dann bleibt das nicht folgenlos.

Der Körper passt sich an.


Nicht dramatisch. Nicht plötzlich. Sondern schrittweise.


Und genau hier beginnt Körperlogik.


Symptome als Regulationsversuch

Was wir oft „Symptom“ nennen, ist aus biologischer Sicht häufig ein Anpassungsprozess.

Ein Nervensystem im Dauerstress erhöht Stresshormone wie Cortisol. Cortisol mobilisiert Energie. Blutzucker steigt schneller an. Insulinregulation verändert sich.

Eine Insulinresistenz kann in diesem Zusammenhang nicht isoliert betrachtet werden. Sie ist Teil einer veränderten inneren Ökonomie.

Wenn ein System lange auf Alarm eingestellt war, ist es sinnvoll, Energie schnell verfügbar zu machen.

Das bedeutet nicht, dass Insulinresistenz „gut“ ist. Aber es bedeutet, dass sie erklärbar ist.

Genauso kann Erschöpfung ein Schutz sein. Wenn Aktivierung zu lange andauerte, schaltet das System in einen Energiesparmodus.

Rückzug. Verlangsamung. Manchmal Antriebslosigkeit.

Nicht als Charakterfehler. Sondern als Überlebensstrategie.


Emotionales Essen als Bindungsstrategie

Viele Menschen erleben Essen nicht nur als Nahrungsaufnahme. Sondern als Regulation.

Süße beruhigt. Fülle stabilisiert. Rituale geben Halt.

Wenn Essen über Jahre eine verlässliche Form von Selbstberuhigung war, dann ist eine Ernährungsumstellung keine rein sachliche Entscheidung.

Sie berührt Bindung.

Sie berührt Sicherheit. Sie berührt oft alte Erfahrungen von Mangel oder emotionaler Leere.

Deshalb scheitern viele nicht am Wissen. Sie scheitern an der impliziten Botschaft:


Du darfst diese Regulation nicht mehr nutzen.

Ohne Ersatz. Ohne Stabilisierung. Ohne Sicherheit.


Körperlogik bedeutet hier: Das Verhalten hatte eine Funktion.

Nicht alles, was metabolisch ungünstig ist, war psychologisch sinnlos.


Nicht jedes Mehrgewicht ist ein Symptom

An dieser Stelle ist etwas wichtig:

Körperlogik ist kein Universal-Erklärungsmodell für jeden Körper.

Nicht jedes Mehrgewicht ist Ausdruck von Trauma. Nicht jede Insulinresistenz entsteht aus Bindungsverletzungen. Nicht jede metabolische Veränderung ist Stressfolge.

Körpervielfalt existiert. Genetische Disposition existiert. Unterschiedliche Stoffwechselprofile existieren.

Ein Mensch kann mehrgewichtig und metabolisch stabil sein. Reguliert. Kraftvoll. Gesund.

Körperlogik wird dort relevant, wo ein Mensch leidet. Wo sich der Körper wie ein Gegner anfühlt. Wo Veränderung immer wieder an innerem Widerstand scheitert.


Warum ich diesen Ansatz entwickelt habe

In meiner Arbeit mit Menschen mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes habe ich immer wieder gesehen:

Sie wissen, was medizinisch sinnvoll ist. Sie verstehen Ernährungsempfehlungen. Sie kennen Bewegung als wichtigen Baustein.

Und trotzdem gelingt es nicht nachhaltig.

Nicht aus Ignoranz. Nicht aus Gleichgültigkeit.

Sondern weil ein Nervensystem, das sich nicht sicher fühlt, auf zusätzliche Kontrolle mit Anspannung reagiert.

Eine kleine Sporteinheit nach dem Essen zur Blutzuckersenkung kann rational sinnvoll sein. Doch für ein überlastetes System kann sie wie weiterer Druck wirken.

Wenn Sicherheit fehlt, wird selbst Gesundheit zur Bedrohung.

Körperlogik erklärt nicht nur Symptome. Sie erklärt auch Widerstand.


Der Beginn eines anderen Weges

Solange der Körper als Gegner betrachtet wird, bleibt Veränderung ein Kampf.

Körperlogik lädt zu einer anderen Frage ein:


Nicht:Wie bringe ich meinen Körper endlich dazu, mitzumachen?

Sondern:Was braucht mein System, um sich sicher genug zu fühlen, um mitzugehen?


Das ist kein esoterischer Gedanke. Es ist Neurobiologie.

Ein reguliertes Nervensystem erhöht die Wahrscheinlichkeit für nachhaltige Veränderung. Nicht durch Druck.Sondern durch Flexibilität.

Vielleicht beginnt Heilung nicht mit Disziplin. Vielleicht beginnt sie mit Würdigung.

Würdigung dessen, was dein Körper getragen hat.

Würdigung der Anpassungen, die dich stabilisiert haben.

Würdigung der Intelligenz, die in deinem System liegt.


Vielleicht war dein Körper nie das Problem.

Vielleicht war er die ganze Zeit damit beschäftigt, dich am Leben zu halten.



Wie könnte es weitergehen?


„Wenn du spürst, dass dein Körper sich nach genau dieser Art von Raum sehnt, findest du hier mehr Informationen zu meiner Begleitung.


Du darfst dort in Ruhe weiterlesen und für dich fühlen, ob das gerade passt – ohne jede Entscheidungslast“.


Hinweis

Die Inhalte dieser Blogreihe dienen der Information, Einordnung und Reflexion. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose, keine ärztliche Behandlung und keine Psychotherapie.

Bei bestehenden Erkrankungen – insbesondere bei Insulinresistenz, Diabetes oder anderen Stoffwechselstörungen – wende dich bitte an deine behandelnde Ärztin, deinen Arzt oder deine Diabetologin bzw. deinen Diabetologen. Änderungen an Medikation, Therapie oder Ernährung sollten stets in fachlicher Abstimmung erfolgen.

Mein traumasensibler Ansatz versteht sich als ergänzende Begleitung auf körperlicher und nervensystemischer Ebene – nicht als Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Versorgung.

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