Körperlogik Teil 8: Was hast du (nicht) gemacht?
- Silvia Niebergall
- 17. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Warum habe ich das nicht verhindert?
Über Schuld, Scham und die falsche Ursachensuche
Es gibt eine Frage, die viele Menschen nach einer Diagnose begleitet.
Manchmal ausgesprochen.
Manchmal nur gedacht.
„Was habe ich falsch gemacht?“
„Warum habe ich das nicht verhindert?“
„Hätte ich mich mehr anstrengen müssen?“
Diese Frage klingt nach Verantwortung.
Doch oft trägt sie etwas anderes in sich: Schuld.

Was hast du (nicht) gemacht?
Die stille Selbstanklage
Gerade bei Insulinresistenz oder Typ-2-Diabetes ist die gesellschaftliche Erzählung schnell klar:
Zu viel gegessen.
Zu wenig bewegt.
Nicht diszipliniert genug gewesen.
Die Botschaft ist subtil – aber sie wirkt.
Und sie trifft besonders jene, die ohnehin hohe innere Ansprüche haben.
Menschen, die viel leisten.
Die sich kümmern.
Die Verantwortung tragen.
Sie drehen die Frage nach innen.
Was habe ich übersehen?
Warum war ich nicht konsequenter?
Doch diese Perspektive greift zu kurz.
Biologie ist kein Moralurteil
Stoffwechsel ist komplex.
Er wird beeinflusst von:
Genetik
hormonellen Faktoren
Schlaf
Stress
sozialen Bedingungen
frühen Bindungserfahrungen
chronischer Überforderung
Entzündungsprozessen
Kein einzelner Faktor erklärt alles.
Und kein einzelner Faktor ist moralisch.
Ein erhöhter Blutzuckerwert ist kein Charakterbeweis. Eine Insulinresistenz ist kein Zeichen persönlicher Schwäche.
Der Körper reagiert auf Bedingungen.
Nicht auf moralische Kategorien.
Die Funktion von Schuld
Schuld hat eine paradoxe Logik.
Wenn ich glaube, es sei meine Schuld, dann habe ich zumindest theoretisch Kontrolle.
Dann könnte ich es „besser machen“. Dann wäre es reparierbar.
Die Alternative wäre anzuerkennen, dass ich unter Bedingungen gelebt habe, die mein System überfordert haben.
Dass manches nicht in meiner Macht lag.
Und genau das ist schwer.
Denn es konfrontiert uns mit Verletzlichkeit.
„Was hast du nicht gemacht?“
Viele Betroffene hören diese Frage auch indirekt:
„Warum hast du nicht früher reagiert?“
„Warum hast du dich nicht mehr bewegt?“
„Warum hast du nicht…?“
Doch kaum jemand fragt:
Warum warst du so lange allein damit?
Warum musstest du so lange funktionieren?
Warum gab es keinen Raum für Überforderung?
Vielleicht hast du sehr viel gemacht.
Vielleicht hast du getragen, organisiert, geregelt, ausgehalten.
Und vielleicht war dein Körper der Ort, an dem sichtbar wurde, wie viel es war.
Scham blockiert Regulation
Scham ist ein starkes Stresssignal.
Sie zieht den Blick nach innen – aber nicht mit Mitgefühl, sondern mit Härte.
Scham aktiviert Rückzug. Oder Angriff gegen sich selbst.
Beides erhöht Stress. Und Stress beeinflusst Stoffwechsel.
Ein Kreislauf entsteht.
Deshalb ist Entlastung nicht nur psychologisch wichtig. Sie ist physiologisch relevant.
Der traumasensible Perspektivwechsel
Ein traumasensibler Ansatz ersetzt die Frage:
„Was habe ich falsch gemacht?“
durch:
„Unter welchen Bedingungen hat mein Körper reagiert?“
Er anerkennt:
Chronische Belastung formt Biologie.
Emotionale Geschichte beeinflusst Regulation.
Nicht jedes Mehrgewicht ist pathologisch.
Gesundheit ist kein moralisches Projekt.
Er lädt ein, Verantwortung neu zu verstehen.
Nicht als Selbstanklage. Sondern als Möglichkeit, Bedingungen heute anders zu gestalten.
Vielleicht war dein Körper nie das Problem
Vielleicht war er der ehrlichste Teil von dir.
Der Teil, der irgendwann nicht mehr nur funktionieren wollte.
Der Teil, der zeigte,dass etwas zu lange zu viel war.
Und vielleicht beginnt echte Veränderung nicht mit der perfekten Strategie, sondern mit einem anderen inneren Satz:
Ich war nie das Problem. Ich habe reagiert.
Wie meine Arbeit hier ansetzt
In all meinen Angeboten geht es nicht darum, etwas zu „verbessern“.
Sondern darum, dem Nervensystem weniger Last zuzumuten.
Traumasensibles Yoga: Regulation über den Körper
NESC® Coaching: Orientierung statt Analyse
Morgenlicht-Coaching®: Bindung & innere Sicherheit
Schwellenzeiten-Begleitung: Raum ohne Ziel
Nicht als Programme. Sondern als Möglichkeiten.
Wie könnte es weitergehen?
Wenn du spürst, dass dein Körper sich nach genau dieser Art von Raum sehnt, findest du hier mehr Informationen zu meiner Begleitung:
Du darfst dort in Ruhe weiterlesen und für dich fühlen, ob das gerade passt – ohne jede Entscheidungslast.
Auf Telegram entstehen begleitende Gedanken, Mini-Übungen & neue Perspektiven.
Vielleicht magst du dort weiterlesen.
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